William Shakespeare, Macbeth

Der Beginn einer neuen Theatertradition

Giovanni Netzer, Theatermann aus Mittelbünden, inszenierte Shakespeares "Macbeth" und eröffnete im März 2006 eine neue Theatertradition am Lyceum Alpinum Zuoz. "Shakespeare ist schwer zu lernen und noch schwieriger zu spielen. Die Wucht des Textes, die vielschichtigen Bedeutungsebenen, die Konzentration in der Aussage und vor allem die Intensität der Handlung ist eine Herausforderung für jede professionelle Bühne, geschweige denn für ein sogenanntes Schülertheater. Aber wir versuchen es trotzdem. Denn jeder Shakespeare-Satz, der sich in meinem Kopf einprägt, ist ein persönlicher Gewinn für Sprachbildung, Sprechtechnik, aber vor allem direkte Erfahrung mit einer Kunstsprache, mit poetischer Intensität, mit menschlicher Grundbefindlichkeit. Das ist unbezahlbar."

Was fühlt ein Mörder?

Netzer geht es aber nicht nur um Sprache: Shakespeare sei ja letztlich kein Autor für literaturbeflissene Lesezirkel und Kaffeekränzchen, sondern ein Vollblut-Dramatiker. "Shakespeare denkt für die Bühne, er schreibt Rollen für lebendige, sehr lebhafte Figuren mit ausgeprägten Charakteren, in die man sich hineinversetzen muss." Darin besteht die letztlich wichtigste und auch anspruchsvollste Leistung der Schüler. Fragen tauchen auf: Wie sieht es im Gehirn eines Mörders aus? Reicht Machtstreben aus, um Widersacher aus dem Weg räumen zu lassen? Kann ich mir überhaupt vorstellen, jemanden umzubringen? Wie sieht die Trauer eines Mannes aus, der gerade seine ganze Familie verloren hat? - Dies alles sind Fragen, die neue Denkhorizonte eröffnen - und emotional sehr anstrengend sind. Manch einer schläft dann am Schluss nicht mehr ganz ruhig. Theater ist immer auch Nachdenken über sich selbst – und das ist anstrengend.

Die Schauspieler als Teamplayer

Theater schult zudem die Teamfähigkeit. Der Trauernde auf der Bühne ist nur glaubwürdig, wenn die Mitspieler dessen Trauer zulassen, sie fördern. Das verlangt Empathie, Mitleid, Einfühlungsvermögen, sich selbst in den Hintergrund stellen zu können. – Und so passiert es, dass abends Schüler auf den Gängen des altehrwürdigen Lyceums gravitätisch schreiten und Shakespeare rezitieren. Als hätte sich das Rad der Zeit zurückgedreht und Macbeth durch lange Gänge und schwere Tore geistert.

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